Trendabend 2011

Trendabend 2011

„Abenteuer Inklusion“ – unter diesem Motto fand am 14. Juli 2011 ein weiterer Trendabend im Verleih der Ringe in Fellbach statt. In seinem Vortrag sprach Prof. Dr. Thomas Meyer von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg über die Einbindung von Menschen mit Behinderung.

Die Präsentation von Professor Meyer finden Sie hier.

Es knistert und raschelt. Vorsichtig greifen die Vortragsgäste unter ihren Stuhl. Wie vom Moderator versprochen,  ertasten sie dort eine Papiertüte. Zaghaft befühlen die Finger den Inhalt. Sehen kann man nichts: Das Licht im Saal wurde für dieses kleine Experiment absichtlich gelöscht. Alle sind jetzt sozusagen „blind“. Zwischen 40 und 50 Menschen, die meisten Jugendarbeiter aus dem Großraum Stuttgart, stimmen sich auf diese Weise ganz praktisch auf  den erwarteten Vortrag ein.

Der Inhalt der Tüte riecht nach Essbarem: eine Traube, Gummibärchen, eine Lakritzschlange… Man reagiert sehr skeptisch, fühlt lieber zweimal, bevor man sich etwas in den Mund steckt. Und man riecht, beißt, kaut und schmeckt deutlich bewusster. Viel später erst, auf der Heimfahrt und während der folgenden Tage, drängen sich Fragen nach der Lebenssituation blinder Menschen in unserer Gesellschaft auf.

Das Thema „Inklusion von Menschen mit Behinderungen“, so Professor Thomas Meier, sei auch in der Jugendarbeit bislang unterbelichtet. Es gebe noch immer nur wenige diesbezügliche Ansätze. Das Projekt „Abenteuer Inklusion“ und das Vorläufer-Projekt „Abenteuer Handicap“ des Kreisjugendrings stellten nach seiner Einschätzung absolute Besonderheiten dar. Seit 2008 verfolgt der KJR Dank der Förderung durch die „Aktion Mensch“ und die Sparkassenstiftung mit diesen Projekten unter anderem das Ziel, nicht behinderten Jugendlichen die Lebenssituationen von Menschen mit Behinderungen näher zu bringen und auch praktisch zu vermitteln. Zum Beispiel durch Übungsrunden in Rollstühlen und der Ablegung des so genannten „Rolli-Führerscheins“. Mehr als 2000 davon haben die KJR-Mitarbeiter im Landkreis inzwischen ausgestellt. Im Alb-Donau-Kreis, so Prof. Meyer, entwickle man augenblicklich einen Katalog mit Freizeitangeboten für Menschen mit Behinderungen und im Neckar-Odenwaldkreis arbeite man daran, Einrichtungen für Behinderte mit Jugendhäusern zu vernetzen. Ansonsten tue sich noch nicht viel. In Schweden sei man in puncto Inklusion deutlich weiter, in allen gesellschaftlichen Bereichen. So gebe es dort keine Wohngruppen mit mehr als 6 behinderten Menschen mehr und „Werkstätten für Behinderte“, die WfBs, seien ganz abgeschafft worden.

„Eine kleine Vorstellungsrunde“, schlägt der Moderator, KJR Geschäftsführer Frank Baumeister, vor. Jeder sagt reihum kurz seinen Namen und woher er kommt. Hat jede und jeder schon tausend Mal mitgemacht. Aber eben nicht so. Ins Dunkel zu sprechen kostet unerwartet Überwindung. Es ist ein bisschen, als spräche man ins Nichts. Man sieht nicht, ob und wie die Nachricht ankommt, ob und wie die Menschen reagieren. Und andererseits hört man Stimmen, denen man Gesichter und Körper zuordnen will – und nicht kann.

Direkte Erfahrungen, wie die des Dunkelexperiments, sind nach Ansicht des Experten Thomas Meyer in der Kinder- und Jugendarbeit besonders wichtig und hilfreich. Man müsse davon ausgehen, dass es vielen Jugendlichen an Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen fehle, und zwar aufgrund deren „jahrzehntelanger Separation“. Es gelte in Zukunft verstärkt, „die nichtbehinderten Besucher/innen von Einrichtungen der Jugendarbeit für die Belange behinderter Menschen zu sensibilisieren und Lernerfahrungen im Kontakt und im Umgang mit Menschen mit Behinderungen zu ermöglichen. Dazu eigneten sich Rollenspiele oder Simulationen, aber auch Informationen, die von Menschen mit Behinderung selbst übermittelt werden.“

Letztlich, so Professor Meyer, sei Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der alle Menschen in allen ihren Funktionen beteiligt sind, von der großen Politik bis zum kleinen Verein. „Beim Inklusionsprinzip kommt es darauf an, Teilhabe von Menschen mit Behinderungen nicht nur gesetzlich festzuschreiben, sondern dafür zu sorgen, dass sie sich in einem Gemeinwesen angenommen und wohl fühlen“.                                                        wes